Der Vater - Die 7 Archetypen des Mannes

31. Jan. 2026

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Darum geht es

Was bedeutet es, ein Vater zu sein – jenseits von biologischer Elternschaft? In dieser Folge sprechen wir über den „Vater“ als Archetyp männlicher Reifung. Wir beleuchten, warum viele Männer heute Probleme haben, echte Verantwortung zu übernehmen, was es heißt, innerlich Vater zu werden – auch für sich selbst – und wie die Beziehung zum leiblichen Vater oder zur Vaterfigur unsere Fähigkeit beeinflusst, in der Welt präsent zu sein. Dabei geht es nicht nur um Erziehung, sondern um Führung, Halt, Klarheit – und auch um Scheitern. Wir fragen uns: Wann übernimmt ein Mann echte Verantwortung? Was geschieht, wenn Männer nie „Vater sein“ dürfen? Wie wirkt sich ein abwesender, harter oder idealisierter Vater auf unser Leben aus? Warum brauchen Männer heute andere Männer, die den Vater-Archetypen verkörpern? Diese Folge lädt dich ein, deinen eigenen Vaterbildern zu begegnen – und den Ruf anzunehmen, selbst ein Vater in deinem Inneren zu werden.

Transkript

Daniel:

Viele Männer fragen sich, was es heute eigentlich heißt, Vater zu sein. Geht es um Versorgung oder um Vorbildwirkung, um Autorität oder um emotionale Präsenz? Viele von uns sind selbst mit Vätern aufgewachsen, die zwar da waren und doch irgendwie gefehlt haben.

Was bedeutet also Vaterschaft wirklich, jenseits von Biologie oder Pflichtgefühl? Und was passiert, wenn der Vater im Mann fehlt, innerlich oder äußerlich? Heute sprechen wir über den Archetypen des Vaters.

Der Archetyp, der Kraft, der Halt gibt, der Richtung zeigt und der spürt, wie das Leben weiter geht. Wir schauen darauf, warum dieser Archetyp für Männer so zentral ist und wie er sich heute ausdrückt. Und was es braucht, um den Vater in uns selbst zu verkörpern, auch wenn wir ihn nie wirklich erlebt haben.

Folge zwei von unserer siebenfolgigen Serie, die sieben Archetypen des Mannes. Und wir beschäftigen uns heute mit dem Vater und wir beleuchten ihn mit sieben Fragen. Nämlich mit den Fragen, wozu existiert dieser Archetyp überhaupt?

Was zeichnet ihn in seiner reifen Form aus? Wie zeigt sich sein Schatten oder seine verzerrte Form? Wie drückt er sich heute aus und wie hat sich das früher dargestellt?

Was heilt oder integriert den Vater in uns selbst? Was schenkt er einem Mann, wenn er gesund gelebt oder ausgelebt wird? Und wie zeigt sich der Vater im Alltag?

Ich habe wieder an meiner Seite Axel, schön, dass du da bist.

Axel:

Ja, hi, willkommen.

Daniel:

Axel, wenn wir vom Vater sprechen, was ist eigentlich seine Aufgabe im Leben eines Mannes? Ich habe die Idee, dass der Vater nicht nur ein Elternteil ist, sondern ein inneres Prinzip. Und dieses innere Prinzip, darum soll es ja gehen.

Wie siehst du das? Wozu braucht ein Mann den Archetypen des Vaters in sich selbst?

Axel:

Ja, grundsätzlich erstmal für die eigene Entwicklung, sich auch mit dieser Wirklichkeit des Vaters als Leitbild, als Vorbild auseinandersetzen zu können. Wir sagen ja immer, es gibt etwas wie einen Ruf im Sohn nach dem väterlichen Prinzip, die der Vater ja durch sein Sein verkörpert. Und jetzt gibt es ja ganz viele Bedingtheiten, entweder der Vater ist da oder nicht da, entweder der Vater ist unterstützt oder nicht unterstützt, woran wir sozusagen gerade in der Entwicklung des Sohnes, auch in einem bestimmten Zeitalter, Zeitphase, Entwicklungsphase, den Vater natürlich braucht.

Jetzt kann man immer gucken, wir haben ja so etwas wie auch ein gesellschaftliches Problem. Wir sind ja eine vaterlose Gesellschaft. Das ist ja so ein Begriff, der schon seit vielen, vielen, vielen Jahren, Jahrzehnten in unserer Gesellschaft rumgeistert.

Und da ist ja was Wahres dran. Die Väter sind zwar da, aber nicht anwesend. Und das hinterlässt ja in der Entwicklung gerade für den Sohn, das hat Folgen.

Wenn er sich nicht an dem väterlichen Prinzip orientieren kann, entsteht so etwas wie ein Vakuum. Und da beginnt ganz viel, wie er das auch dann versucht zu kompensieren. Er orientiert sich am Vater, aber der Vater ist nicht da.

Was hinterlässt das bei dem Sohn? Und das wissen wir ja auch in der ganzen Forschung, dass das häufig zu ganz vielen Verhaltensstrukturen, Tendenzen führt, die Folgen haben in Form, dass der Sohn die Identität nicht findet, dass er sich irgendwie anders orientiert, dass Aggressivität oder innere Leere oder auch Depression, Vereinsamung, das sind ja alles Folgen, wenn der Vater in einer gewissen Weise für den Sohn nicht greifbar ist.

Daniel:

Welches Grundbedürfnis erfüllt denn der Archetyp des Vaters im Mann? Ist es Orientierung, Halt oder etwas Tieferes?

Axel:

Ja, sowohl als auch. Also klar, wenn der Vater in einer gewissen Präsenz da ist, übernimmt, man weiß ja, Kinder übernehmen ja auch durch Schauen und durch Hören und Nachahmen. Und wenn der Vater in gewisser Weise bestimmte Qualitäten zeigt, dann kann der Sohn sich daran orientieren.

Also Orientierung ist auf jeden Fall eine große Qualität, die für den Sohn spürbar wird, wenn der Vater wirklich in der Präsenz da ist.

Daniel:

Welche Aufgabe hat denn der Mann für das innere Gleichgewicht und die Reifung des Mannes?

Axel:

Dass er sich grundsätzlich auch für den Sohn interessiert, öffnet ihm auch in der Weise, dass es immer wieder bei dem Wort Orientierung gibt, sich anbietet, auch emotional sichtbar wird für den Sohn. Man spricht ja von vielen Bereichen, dass die meisten Väter emotional nicht erreichbar da waren, weil sie es selber nicht gelernt haben. Es gibt ja nach wie vor diese Begrifflichkeiten, wo sozusagen den Männern das Fühlen aberzogen worden sind.

Der Junge weint nicht und all diese Sätze oder Introjekte, die immer noch so rumgeistern. Und ein Vater hat ja erstmal im besten Falle auch die Aufgabe, sich mit dieser inneren eigenen Vaterwirklichkeit auseinanderzusetzen, also auch auf den eigenen Vater zu schauen. Und das ist ja ein Prozess, damit er für seinen Sohn vielleicht auch eine andere Qualität für seinen Sohn legen kann.

Die ganzen Rollenbilder brechen ja auf. Der Vater ist nicht nur der Ernährer. In vielen Fällen war ja der Vater nur als Ernährer bezeichnet und darauf abgestempelt.

Heute brechen ja diese Strukturen auf, der Vater soll anwesend sein, er soll sich um das Kind bemühen, er soll aber auch irgendwie das Geld nach Hause bringen. Also alles viele Faktoren, wo der Mann an sich in vielen Fällen auch überfordert ist. Und das wiederum wird ja für den Sohn spürbar.

Daniel:

Was zeichnet denn den Vater, den Archetypen des Vaters in seiner reifen Form aus? Also nicht im biologischen, sondern eher im seelischen Sinn. Ich habe die Idee, auch nach dem, was wir die letzten Jahre erlebt haben, und da ist ja eine große Bewegung in der Suche nach Vatersein, was bedeutet das in unserer heutigen Gesellschaft, dass es nicht so um Kontrolle geht, sondern eher um Präsenz.

Das Wort Präsenz fällt sehr häufig in diesen Kontext. Sei präsent für dein Kind. Wie siehst du denn das?

Woran erkennt man einen Mann, der in seiner Vaterkraft steht? Welche Haltungen oder Qualitäten verkörpert der reife Vater zum Beispiel?

Axel:

Ich würde sagen, Voraussetzung dafür, dass der Vater wirklich in eine Vaterwirklichkeit finden kann, ist, dass er sich mit seiner eigenen Vaterwunde auseinandergesetzt hat. Mit der Axtseite. Mit der Axtseite, so schön wie der Robert Bly das beschreibt.

Das ist ja jetzt mal ein Wort, was im Raum steht, aber was das wirklich bedeutet, das ist ja wieder so etwas wie ein initiatischer Prozess, sich dieser eigenen Vaterwirklichkeit lernen zu stellen. Ich glaube, wenn das Tor der Wunde, auch was die Vaterwunde angeht, sichtbar wird, fühlbar wird, dann hat das natürlich eine gute Folge auch für den Sohn. Ich glaube, das ist etwas, was in den meisten Männern nicht gereift ist.

Und das hat ja Folgen. Viele Männer sind dann entweder sehr aggressiv und lenken sozusagen die Vaterwunde immer noch weiter, auch vielleicht zum eigenen Sohn, oder auch in die Beziehung rein, sodass das väterliche Prinzip, wie Sie es denn sagen, nicht förderlich, ist ein blöder Begriff, aber das in gewisser Weise etwas für die Entwicklung des Kindes dadurch natürlich auch fehlt. Nämlich wieder dieser Begriff der Präsenz und der Tiefe.

Und ein Mann, der rückgebunden ist an diese eigene Linie, dieser Ahnenreihe, man sagt ja, der Mann darf ja lernen, seinen Vater zu nehmen, und sich dadurch auch in einem bestimmten Kontext umzudrehen und den Vater in den Rücken zu bringen. Und dann gibt es ja dieses schöne initiatische Bild, hinter dir steht der Vater als unterstützende und gebende und fürsorgliche Kraft, dahinter steht sein Vater, und dann geht das immer weiter bis zum Ursprung. Das heißt, diese ganze Linie dieser männlichen Stärke wird dann unterstützend.

Und viele Männer, so erlebe ich das nach wie vor auch, sind nicht rückgebunden. Das heißt, sie geistern irgendwie und versuchen, dieses Bild von Mann oder von Vater zu leben, ohne sich in einer tieferen Weise verbunden zu fühlen.

Daniel:

Magst du den Begriff der Axtseite vielleicht kurz mal ausführen für die Zuhörer, was das bedeutet?

Axel:

Axtseite ist einfach dieser Teil, der nicht nähernd ist. Es gibt ja so etwas, Robert Bly schreibt das ja auch als doppelter Strom, es gibt so etwas wie eine sorgende und unterstützende Kraft des Vaters, die Halt gibt, die Orientierung gibt. Und dann gibt es so etwas wie diese Schattenseite des Vaters, wo er auch zerstörerisch ist, nicht anwesend, manipulativ ist und so weiter.

Das ist einfach der Teil, den wir als Menschen ja sowieso in uns tragen. Das wird so schön beschrieben in dem Buch, wie der Vater sozusagen irgendwie auch diesen doppelten Strom in sich trägt. Und was die Aufgabe des Sohnes ist, ist eben halt, dass er lernt, in sich zwei Zimmer einzurichten.

Einmal für diese fürsorgliche nähernde Seite und auf der anderen Seite eben halt auch diesen Schattenaspekt oder diese herausfordernde Seite des Vaters. Und manche Väter sind gewalttätig gewesen. Auch das ist ja etwas, was so die Axtseite oder die Wunde oder die Achswunde des Vaters repräsentiert.

Und auch wenn man sich dafür interessiert, ist das immer eine Folge, wenn man Väter fragt, die auch gewalttätig sind, dann haben die häufig selber Gewalt erlebt, auch von ihrem eigenen Vater. Das heißt, es trägt sich durch und durch und durch und durch durch ganz viele Generationen und wird in gewisser Weise als eine Normalität irgendwie angesehen. Und den Vater zu nehmen heißt, wir können nur den Vater in beiden Aspekten lernen zu nehmen und nicht so, wie wir ihn gerne gehabt hätten.

Manche Väter werden ja auch idealisiert und dann wird eben genau dieser Teil weggeblendet, dass der Vater eben auch so etwas hatte. Und das muss jetzt gar nicht so in der Weise gewalttätig gewesen sein. Das kann auch einfach sein, dass der Vater einfach nicht da ist, nicht anwesend, nicht greifbar für den Sohn ist.

Das ist auch Ausdruck der Axtseite. Dann gibt es so etwas wie schicksalhafte Achswirklichkeit. Das ist einfach, wenn der Vater einfach früh verstirbt.

Dann hinterlässt er in dem Sohn auch etwas wie eine Vaterwunde. Der Vater ist einfach nicht mehr da. Und auch das hat alles, man darf sich immer interessieren, was hat das für Folgen für Heranwachsende.

Und das ist wirklich ein großer Einschnitt, wenn sozusagen auch diese schicksalhafte Axtseite einen Menschen berührt. Und das ist unabhängig jetzt von Sohn oder von Tochter. Und dann wird natürlich auch deutlich, wie sehr und wie bedeutsam der Vater in seiner Wirklichkeit natürlich auch für Sohn oder auch für Tochter ist.

Man sagt immer, die Mutter hat so etwas wie eine unbedingte Liebe. Und dem Vater sagt man ja nach, der hat eine bedingte Liebe. Und da ist auch etwas dran.

Weil der Vater eben halt nicht symbiotisch mit dem Kind war. Das heißt, er hat eine gute, vielleicht auch notwendige Distanz. Ich meine, die Natur denkt sich ja was dabei, dass der Vater sozusagen darüber irgendwie auch eine andere Qualität in sich trägt, nämlich den Sohn oder die Tochter auch fordern zu können.

Also auch in einer unterstützenden Weise. Und das impliziert, dass der Vater auf einer gewissen Ebene also auch mehr Freiheiten hat, also in sich selber freier ist als die Mutter.

Daniel:

Du hast gerade vom Idealisieren gesprochen. Es geht natürlich auch genau andersrum, dass man den Vater dämonisiert, indem man nicht diese beiden Zimmer einrichtet. In meinem Falle zum Beispiel war es so, dass ich meinen Vater 20 Jahre lang verabschiedet habe für die Gewalt, die er mir angetan hat.

Und wenn ich jetzt an meine Axtseite denke und Robert Bleibe schreibt das ja in seinem Buch auch sehr schön, jeder Mann weiß ganz genau, wo die Achs ihn getroffen hat. Bei manchen ist es halt das Herz zum Beispiel, wenn er verstirbt. Bei mir, wenn ich an die Axtseite denke, weiß ich ganz genau, dass mir der Hintern schmerzt.

Und das ist ja auch so ein Stück weit Auseinandersetzen mit der Wunde.

Axel:

Naja, aber auch da, Daniel, wenn wir da nochmal gerade verweilen, das Hintern lässt ja jetzt nicht nur Schmerzen im Hintern. Das geht ja viel tiefer. Also auch da heraus entwickelt sich ja so etwas wie ein Männerbild, wie das männliche ist, nämlich auch vielleicht zerstörerisch und verletzend.

Und wenn es dann der eigene Vater ist, was hinterlässt das in dem Falle in dir als Sohn?

Daniel:

Wir sind ja gerade schon ein bisschen in das Thema Schatten oder verzerrte Form eingetaucht. Vielleicht bevor wir darüber nochmal sprechen, wie steht denn der Vater zu Verantwortung, Autorität, Fürsorge und Freiheit? Das ist ja auch ein Bild, das sich in den letzten Jahrhunderten vor allem auch ein bisschen gewandelt hat.

Wie würdest du denn sagen, wo ist so der Sweet Spot zwischen Strenge und Mitgefühl?

Axel:

Ja, das war eine Frage. Erstmal ist es ja immer so, dass bestimmte Eigenschaften, die du jetzt alle aufgezählt hast, so soll ein Vater sein, so kann ein Vater sein, damit befeuern wir wieder irgendwie so Bilder. Und man ist ja auf der Suche nach Orientierung, was macht einen Vater aus?

In vielen Fällen höre ich ja, ich will der gute Vater sein. Ich sage, vergiss das mit diesem guten Vater. Dann hat man das Bild, ich will der gute Vater sein und all das meinem Kind ersparen, was ich selber erlebt habe.

Das ist ja grundsätzlich gut und auch richtig. Aber es geht ja mehr darum, diese Wirklichkeit des Vaters wirklich auch tiefer wahrzunehmen, was das wirklich heißt. Und das ist ja so etwas, wo wir meistens stecken bleiben, wenn wir auf unseren Vater schauen.

Und deswegen ist auch der doppelte Strom wichtig und bedeutsam, den Vater lernen zu nehmen, dass wir mehr und mehr in so etwas reinkommen wie in ein Mitgefühl. Wir haben letztens vom Heiler gesprochen. Und der Heiler ist erst mal der Archetyp, der unterscheidet und wahrnehmen kann, dass alles, was auf diesem Planeten existiert, verletzt ist.

Und das erzeugt in einer tiefen Weise, auch wenn ich meine eigene Wunde zu mir nehme, so etwas wie eine Essenz, die ins Mitgefühl führt. Und wenn ich dann auch mal auf unseren Vater schaue, dann kann ich auch nur anerkennen, mein Vater war ja auch verletzt. Der hat ja auch Folgen seiner Vaterwirklichkeit in sich.

Und das geht immer wieder zurück bis zum Ursprung. Aber wenn wir von Entwicklung sprechen und wenn wir diesen Begriff der Versöhnung nennen wollen, der ja immer auch so rumgeistert, dann braucht es eine tiefe innere Bewegung, nämlich dass wir lernen, den Vater auch in dieser primären Wirklichkeit anzuerkennen. Und diese primäre Vaterwirklichkeit ist einfach, dass der Vater seinen Samen gegeben hat und damit, die Mutter ihre Eizelle, und damit alles, was wir persönlich brauchen zum Leben, uns geschenkt wurde.

Darin verkörpert sich die ganze Existenz. Und dadurch, dass wir natürlich dann in Bedingtheiten sind, wie Mutter- und Vaterwirklichkeiten, die persönlich natürlich in ihrer Weise in der Welt sind und wir damit auch konfrontiert werden, hat das wiederum auch Folgen. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger und auch wesentlicher Bestandteil, dass wir lernen aus dieser Persönlichkeit der Elternschaft, in dem Fall auch des Vaters, mehr auf diese primäre Vaterwirklichkeit lernen zu schauen.

Aber das ist ja ein Prozess. Das setzt zwar heraus, dass wir uns der Vaterwunde lernen zu stellen, aber wer macht das denn? Wer hat ein Bewusstsein davon?

Daniel:

Wenn wir über die Vaterwunde sprechen, ist er jetzt der Schatten oder die verzerrte Form, weil wir auch beim Doppelstrom waren. Viele Männer haben ja dieses ambivalente Verhältnis zum Vater, sowohl zu ihrem eigenen als auch zum Vater in sich, aufgrund dieses Konflikts von den Erlebnissen, die sie vielleicht hatten. Der Vater in uns kann ja super schnell in seine Schattenseite kippen.

Und ich kenne das auch, von diesem Wechsel von, okay, ich bin noch super geduldig und im nächsten Moment bin ich schon super frustriert, wütend, was auch immer. Wie siehst du das? Wie zeigt sich dieser Schatten gerade heute in unserer Männerwelt am deutlichsten?

Axel:

Viele Männer, die ich erlebe, oder ich habe ja viel auch mit Männern zu tun, habe ich so den Eindruck, die sind nicht so wirklich in ihrer Kraft. Die sind eher zurückgezogen, vereinsamt, isoliert. Und auch das ist ja schon ein Ausdruck eines Schattens, vielleicht auch auf dem Hintergrund der eigenen Vaterwirklichkeit.

Und ich glaube nach wie vor, oder spüre auch, dass wir sozusagen in unserer Entwicklung, auch was Mannsein angeht, ein großes Defizit haben. Ich bin so beeindruckt, wir haben ja jetzt einen Mann im Männercamp, der ja auch in einem Lied seine Vatersuche beschrieben hat, und wo er auch selber zu seinem Vater diese Aussage gemacht hat, ja, mein Vater ist nur mein Erzeuger. Wie auch so eine eigene Abwertung des Vaters in ihm natürlich wirkt.

Aber das hat natürlich Folgen auf seine eigene Entwicklung, auf sein eigenes Menschsein, auf sein eigenes Mannsein. Und ich glaube, in vielen Fällen sind viele Männer noch nicht wirklich an diesem Punkt, die sich dieser Vaterwunde zu stellen. Und daraus entsteht häufig ganz große Frustration, Unorientiertheit, in vielen Fällen auch Gewalt, Sucht.

Das sind alles so Folgen, die sozusagen aus dieser Sehnsucht nach dem väterlichen Prinzip natürlich irgendwie in einer anderen Form kompensiert werden wollen, oder auch müssen zum Teil. Und all das sind ja schon Schattenaspekte auch von diesem vielleicht nicht förderlichen Vater oder wie man das nennen möchte, unterstützenden Vater, sodass die innere Wirklichkeit sich eher als Loch, als Leere fühlt, auch was die eigene Identität angeht. Ich würde sagen, viele Männer spielen Mannsein.

Die versuchen, irgendwelche Rollenbilder zu erfüllen, aber die sind nicht gegründet und nicht in dieser Erdung in sich selbst. Und da sagt man ja, der Vater ist das Tor. Und wenn wir den Vater auf welcher Weise auch immer innerlich in uns noch ablehnen oder gegen ihn sind, dann hat das Folgen für unser eigenes Leben.

Und daraus entstehen ja dann wieder irgendwie so Schattenseiten, ist ja immer so ein Begriff, aber ich finde, das hat so Folgen, die ihm halt unser Leben nach wie vor beeinflussen. Viele Männer sind auch nicht geziehungsfähig, weil sie in gewisser Weise auch nicht wirklich von dem mütterlichen Prinzip weggekommen sind. Man sagt ja, in diesen frühen Kulturen war das ja so, dass der Vater irgendwann natürlich aufgeschlagen ist und hat den Sohn sozusagen aus dieser mütterlichen Gebärmutter irgendwie herausgeholt, dass er frei wurde, überhaupt in die eigene Entwicklung zu gehen und zu finden.

Das findet ja heute gar nicht mehr statt. Ich würde sagen, wir sind im großen Teil immer noch muttergebundene Söhne. Und das drückt auch aus, dass der Vater oder die Vaterwirklichkeit immer noch sehr, wie soll ich das denn sagen, schwach in uns repräsentiert ist.

Daniel:

Ja, ich habe ja noch ein paar Ideen aufgeschrieben. Wenn ich so an das Bild eines Vaters denke, wo ich denke, okay, das könnte eine verzerrte Form sein. Jetzt gibt es ja auch diese Frauenbewegung, die immer mehr darüber klagt, dass die Männer nicht mehr in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen.

Also Verantwortungslosigkeit könnte aus meiner Sicht so ein Thema sein, wo der Archetyp des Vaters vielleicht nicht in seiner reifen Form ausgelebt wird. Orientierungslosigkeit hast du schon angesprochen, auch dieses isoliert sein, einsam sein. Du hast gesagt, in Beziehungen ist es oft spürbar, dass Männer vielleicht so eine Art emotionale Kälte oder Distanz aufweisen, weil sie gar nicht in der Lage sind, sich richtig in Beziehungen zu setzen.

Abwesenheit hast du schon mehrfach jetzt als große Wunde angesprochen. Und natürlich, was aus meiner Erfahrung widerspricht, diese übertriebene Härte bis zu körperlicher Gewalt. Also diese übertriebene Strenge, die einfach teilweise gegenüber Kindern unangebracht sein könnte, aus meiner Sicht.

Jetzt reden wir ja gerade darüber, wie das heute auch aus problematischer Sicht ist in unserer Gesellschaft, in der vaterlosen Gesellschaft. Wie war das denn früher? Wenn wir jetzt von so einer idealisierten Form des Zusammenlebens ausgehen, die vielleicht vor 400, 500 Jahren noch normal war, was würdest du denn sagen?

Früher war dein Vater ja oft Beschützer, Lehrmeister. Sie haben die Söhne in die Welt geführt, hast du auch gerade schon angesprochen. Sie haben sie aus dem mütterlichen Prinzip herausgenommen und in die Welt begleitet.

Heute wird ja eher dieses Bild suggeriert vom Partner auf Augenhöhe fast schon. Also wirklich dieses Nimm dein Kind auf gleiche Augenhöhe, was ich manchmal schwierig finde. Was ist denn aus dieser Bewegung, die wir erleben, aus deiner Sicht Fortschritt und was vielleicht eher auch Verlust?

Was ist uns vielleicht verloren gegangen?

Axel:

Eindeutig verloren gegangen ist das Bewusstsein für Initiationen und Treifungsprozesse. Wir haben ja kaum noch etwas in unserer Gesellschaft, was so etwas anbietet. Das ist ja genau der Punkt, wenn wir in einer bestimmten inneren Entwicklung stecken bleiben, was in vielen Fällen so ist.

Das wirkt sich ja in unserer Gesellschaft auch aus. Viele sind im jungen Bewusstsein verhaftet und kommen nicht in diese Tiefe der männlichen Identität. Das wiederum hat auch Folgen.

Wie viele Frauen habe ich gehört, die über ihren Partner sprachen, als wenn der dritte oder vierte Sohn am Tisch sitzt. Das heißt, er hat bestimmte Eigenschaften, bestimmte Qualitäten in sich nicht erwirken können. Das zum Beispiel ist uns verloren gegangen.

Wie wichtig und wie bedeutsam es ist, dass Heranwachsende auch geführt werden, auch in diese initiatischen Räume geführt werden. Das war ja in den frühen Kulturen gesetzt, als eine tiefe Wirklichkeit für Entwicklung. Die hatten ja auch noch das Bewusstsein, dass alles das, was entsteht, auch die nachfolgende Generation, jeder Einzelne war ja wichtig für den Stamm.

So vieles bricht weg. Jetzt weißt du ja, oder ich ja auch, auch alleine über das Männercamp, wenn man da Männer hört, wie wichtig und wie sehnsüchtig für sie ein Erleben von Verbundenheit und Anbindung und Zugehörigkeit hat. Was ist das für eine Kraft, die eigentlich in unserem Bewusstsein kaum noch existiert, aber als Sehnsucht zutiefst angelegt ist?

Ein Teil von etwas zu sein, ich sage jetzt mal, ein Teil von so einem Kreis zu sein, das bindet rück an etwas, was viel tiefer ist, als wir das vielleicht mit Worten beschreiben können. Das geht über den wirklichen Vater auch hinaus. Das hat dann fast schon etwas wie ein geistig-spirituelles Ebenen.

Diese Form von Rückbindung, es heißt ja Religio, dass wir uns an etwas rückbinden, was wir sind, was in uns wirkt. In der heutigen Zeit würde ich sagen, du hast vorhin gesagt, viele Frauen fordern da was, das ist ja auch gut und richtig. Ich erlebe häufig, dass die meisten Männer oder das Männliche in einer gewissen Weise die Handlungsfähigkeit verloren hat.

Die handeln nicht mehr. Wir sind reaktiv geworden. Das männliche väterliche Prinzip war eben auch etwas, was in Führung gegangen ist, was in Verantwortung sich gesetzt hat, was auch Herausforderungen gesucht und angenommen hat und dem nicht ausgewichen ist.

Ich bin immer wieder erschrocken, wie hoch diese ganze Vermeidungs- und Ablenkungsebene ist. Wir werden ja von morgens bis abends befeuert, aber wer setzt sich wirklich mit dieser Wirklichkeit des Menschseins, des Mannseins, des Vaterseins oder Frau- und Mutterseins auseinander? Ich glaube, da ist ein großes Defizit entstanden.

Wir sind vereinzelt, vereinsamt in gewisser Weise. Jetzt kannst du in dein Leben schauen und würdest sagen, in meinem Umfeld gibt es ein paar, aber auch wirklich wie Inseln überall, aber so etwas wie eine größere Form von Gemeinschaft, Verbundenheit, das ist schon sehr selten in der heutigen Zeit. Deswegen glaube ich auch, meine Wahrnehmung ist so, dass viele Menschen wieder nach Gemeinschaft suchen.

Sie wissen, das hat eine gewisse Qualität. Früher war ja nicht der Vater oder die Mutter, die sozusagen die Heranwachsenden begleitet haben, sondern es war der ganze Stamm. Das heißt, es waren ganz viele Menschen gleichzeitig da.

Wenn man jetzt heute schaut in unsere Vater- und vielleicht auch die Mutter-Wirklichkeit, beide müssen wahrscheinlich arbeiten, um das ganze System zu bedienen. Die Leidtragenden sind die Kinder, weil sie nicht mehr wirklich Rückbindung, Anbindung oder ein Gegenüber haben. Man kann immer sagen, dann werden die auch relativ früh in Institutionen abgegeben, was ja einerseits gut ist, aber auf der anderen Seite auch wieder Folgen hat.

Du hast ja vorhin erzählt, dass du etwas freier gewesen warst die letzten Jahre, wenn man in normale Strukturen sitzt, wenn man schaut, wie die Eltern zurückkommen. Ist der Vater dann überhaupt noch offen? Hat er noch Kraft, sich mit seinem Sohn auseinanderzusetzen?

Will er das überhaupt? Hat er wirkliches Bedürfnis? Viele Fragen.

Daniel:

Lass uns noch mal ein bisschen auf die Rolle des Vaters in früheren Kulturen blicken.

Vater oder der Mann denn früher eingenommen? Vielleicht im Stammeskontext oder im familiären Kontext auch und wie ist das eher heute?

Axel:

Ich glaube, die größte Qualität, die der Vater in der frühen Zeit hatte, war immer, dass er da war. Und ich glaube, das ist eine Kraft, die kann man gar nicht ersetzen. Also Zeit, Präsenz, Interesse, Liebe, Hinwendung.

Für ein Kind zu haben, ist die größte Nahrung, die der Vater dem Kind oder den Kindern geben kann. Ich habe ja mal viele Vater-Söhne-Wochenenden gemacht und da ist mir nochmal so ein Satz gekommen, der da heißt, mancher Vater ist geneigt zu vergessen, dass das beste Angebot, das er seinen Kindern machen kann, er selbst ist. Und ich finde, das drückt so vieles aus, das drückt so vieles aus.

Ja, und das war, ich glaube, einfach in den frühen Kulturen viel mehr gegeben, weil diese äußeren Umstände natürlich gar nicht mehr so gefordert haben, wie es heute ist. Das heißt, es ist noch eine größere Trennung, hat stattgefunden zwischen Vater und Sohn, also auf allen Ebenen auch, körperlich, emotionaler, vielleicht aber auch geistig-spiritueller eben. Und ich kann viele Heranwachsende und Jugendliche unglaublich gut nachvollziehen, dass wenn bestimmte Prozesse nicht mehr laufen, dass sie versuchen, sich selber zu klinizieren, dass sie Gangs bilden, dass sie Herausforderungen, Mutproben machen und all diese, aber letztendlich ist es nichts anderes, auch wie ein Versuch, in eine Form der Identität, in der Mannfindung zu werden.

Und da ist der Vater immer sehr bedeutsam. Und auch gerade in der pubertären Phase, da braucht es diese männliche Bereitschaft, dem Sohn auch Grenzen zu setzen. Der sucht die ja förmlich.

Das macht er nicht, weil er Bock hat darauf, sondern er braucht Grenzen. Und Grenze ist immer eine Form der Orientierung, dass er sagt, bis hierhin bin ich. Und wenn der Vater sagt, stopp mal, dann merkt er, dass da ein Kontakt entsteht.

Und der Vater hat auch die Aufgabe, dem Sohn Grenzen zu setzen. Das kann die Mutter nicht so in der Weise. Und auch da, viele Väter, die selber sehr früh einen Vater hatten, der gewalttätig war, die sind sozusagen aggressionsgehemmt.

Die haben ihre väterliche Kraft oder männliche, menschliche Kraft auch zurückgenommen, unterdrückt oder halten die zurück. Und das fehlt natürlich später im eigenen Vatersein dann auch wieder, wenn dieser Impuls in einer guten und angemessenen Weise nicht kommen kann. Und das hinterlässt auch wieder was für den Sohn.

Der fordert, der fordert und der Vater ist nicht wirklich da.

Daniel:

Oder sie werden autoaggressiv. Das gibt es ja auch, dass sie die Wut dann nach innen richten, um sich halt weiterhin selbst zu bestrafen, so wie sie es halt auch gelernt haben.

Axel:

Ja, das wäre dann so die Folge, dass ein äußerer Kontakt, eine äußere Begegnung nicht da ist. Und in vielen Fällen, das meine ich auch, werden die Eltern ja geschützt auch. Es fällt den Kindern in gewisser Weise schwer, auch die Eltern anzugehen.

In der pubertären Phase ist das natürlich eher wie ein unglaublicher Ausbruch, der da passiert. Das ist einer der größten und natürlichsten Initiationsprozesse, die wir ja erleben. Aber das will ja sozusagen begleitet sein.

Da will ja jemand sein, der diese Energie auch lernt, in einer bestimmten Weise auch ausdrücken zu lernen. Wenn da nichts ist, dann wird es grenzenlos. Und dann rasen die durch die Welt und denken irgendwie, scheißegal, ich mache alles das, was ich will.

Und das hat mit Entwicklung und Identität nicht viel zu tun. Das ist ein so junges Bewusstsein, das dann grenzenlos einfach alles niedermacht und alles nimmt, ohne Bewusstsein für etwas.

Daniel:

Wir kommen ja immer wieder jetzt auf das Thema, dass der Mann vielleicht noch irgendeine offene Rechnung mit seinem Vater hat, ob das jetzt bewusst oder unbewusst ist. Lass uns doch mal über die Heilung oder Integration sprechen. Also es geht ja um Vergebung, Verständnis.

Wir haben jetzt den Heiler auch schon ins Gespräch gebracht. Also dieses Mitgefühl für das, was der Vater erlebt hat. Was würdest du sagen, hilft denn einem Mann aktiv, um seinen inneren Vater zu integrieren?

Axel:

Also helfen in dem Sinne ist erstmal, dass er sich für seinen eigenen Vater vielleicht nochmal neu interessiert. Dass er vielleicht das Bild, was in ihm ist, vielleicht nochmal mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versieht. Wir wissen, in der initiatischen Arbeit ist das häufig so, dass die Söhne sich nochmal auf den Weg zum Vater machen, um herauszufinden, wer ist eigentlich mein Vater oder wer war mein Vater.

Die meisten Söhne wissen das ja gar nicht. Alleine dieser Vorgang, sich für den Vater zu öffnen, zu interessieren, wird das Vaterbild nochmal vielleicht auf eine andere Ebene setzen. Vorausgesetzt, der Vater bietet sich an, auch wirklich in diese tiefe Form der Auseinandersetzung mit dem Sohn zu finden.

Und wie wesentlich das ist, ein eigenes Vaterbild zu haben, herauszufinden, wer mein Vater ist, das ist natürlich klar. Viele Männer schauen noch so aus den Augen der Mütter auf den Vater, was die Mutter über den Vater sozusagen irgendwie so als Information gegeben hat. Und die Aufgabe eines Mannes, eines Sohnes ist letztendlich auch, sich mit der Vaterwirklichkeit auseinanderzusetzen.

Wer bist du eigentlich? Und es gibt nicht so, und das ist in gewisser Weise auch ein Ritual, dass der Sohn nicht als Vorwerfender kommt, als Besserwisser oder Verurteiler, sondern dass er lernt, als Sohn zu kommen. Sohn zu kommen heißt, du interessierst dich für das Leben deines Vaters.

Erzähl mir von dir, ich will wissen, wie ist dein Leben gewesen, wie war das mit deinem Vater? Und das sind natürlich Prozesse, die kaum einer aus sich selbst heraus, vielleicht ohne Impuls einfach macht. Und das finde ich wäre schon sehr hilfreich, alleine diesen Prozess zu initiieren.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, natürlich auch mit den vielen Arbeiten mit den Männern, wenn die sich auf den Weg zum Vater machen, was da passiert. Und es geht eben halt nicht darum, ich mag das Wort verzeihen nicht, also wer sind wir, dass wir verzeihen meinen zu können. Das ist ja auch nur, wir müssen uns über den Vater drüberheben und sagen, ich verzeihe dir.

Das ist auch etwas wie so eine Anmaßung. Nein, aber es geht darum, die Wirklichkeit des Vaters lernen zu nehmen, so wie er ist und auch für das, was er getan hat. Da, wo er sich schuldig gemacht hat, da kann man sich nur abgrenzen und sagen, das, wo du dich schuldig gemacht hast, die Verantwortung, die liegt bei dir, nicht bei mir.

Und dann, ich mag diese Versöhnung, wann findet Versöhnung statt? Versöhnung findet dann statt, wenn der Sohn wirklich in der tiefen Weise, also auch innerkörperlich und auch seelisch, den Vater nimmt, so wie er ist, nicht so, wie wir ihn gerne gehabt hätten. Und das ist natürlich ein ganz großer Prozess, der vielleicht mit viel Trauer, viel Wut oder viel Schmerz verbunden ist im Vorfeld.

Weil alles das, was dann so als Mangel auch entstanden ist, das hat ja alles Folgen gehabt, auch für die eigene Entwicklung. Und sich der Wunde zu stellen, sind wir wieder bei dem Begriff, das braucht viel Mut. Und vielleicht braucht es auch so etwas wie Führung, weil viele Männer aus sich selbst heraus so etwas ja vielleicht gar nicht so abrufen können.

Daniel:

Ich finde es spannend, dass das Wort Versöhnung, allein der Wortstamm, die Wortbedeutung, jetzt können wir darüber philosophieren oder abstrahieren, was das bedeuten könnte, aber es scheint ja zugrunde zu liegen, dass genau dieser Prozess offensichtlich in unserer Sprache mal eine große Relevanz hatte, dieser Prozess. Also denk mal über das Wort Versöhnung nach, liebe Zuhörer. Ich habe ja diesen Weg beschritten.

Ich bin ja auch nach dem ersten Männercamp auf die Reise zu meinem Vater gegangen und habe genau dieses Ritual mal ausgeführt, was ihr da auch vorgeschlagen habt. Ich bin als Sohn interessiert zu meinem Vater gegangen und habe festgestellt, allein in diesem dreistündigen Gespräch, in dem er mir von seinem Leben erzählt hat, wie ein offenes Buch, das plötzlich aufgeschlagen wurde, wer da eigentlich vor mir sitzt. Das war so die erste Begegnung nach 35 Jahren mit ihm.

Wie war das denn bei dir? Hast du auch so ein Erlebnis gehabt mit deinem Vater oder hattest du die Gelegenheit dazu nicht mehr?

Axel:

Auch die hatte ich und da bin ich auch sehr, sehr dankbar drüber. Das war ja so in der eigenen Auseinandersetzung mit mir und mit meinem Mann. Ich habe ja auch mal so etwas wie ein Männerprojekt gemacht und da gab es natürlich dann auch die Aufgabe, sich auf den Weg zum Vater zu machen.

Das werde ich auch nie vergessen. Es gab wirklich ein einziges Mal diese Begegnung mit meinem Vater. Mein Vater war sicherlich ein Mann, der gelernt hat, natürlich auch aus seinem Leben, sich irgendwie bestimmten emotionalen Räumen immer sozusagen rauszuwinden.

Da war der weg, immer wenn es um bestimmte Ebenen ging. Dann gab es wirklich die Aufgabe, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen und dann bin ich da hingefahren und habe gesagt, ich würde gerne mal mit dir Zeit verbringen, aber ohne meine Mutter. Das war Bedingung und das ist ja auch Bedingung.

Wenn die Mutter dabei ist, ist das sofort was anderes. Naja, auf jeden Fall, das war so, das sage ich auch immer wieder Männern, das ist so als wenn die Väter darauf warten, dass der Sohn kommt und nach dem Leben des Vaters fragt. Und das war bei meinem Vater genauso.

Also der hat danach, ich würde fast sagen, wie ein Tonband abgespult, seinen Leben berichtet. Ich kam an und da sagte er, okay, was willst du denn wissen? Erzähl doch mal, wie war das denn so für dich früher, wie waren denn so deine Lebenserfahrungen?

Und dann fing der an und der konnte Daten benennen, Situationen benennen, also auch sehr emotional aufgeladen und so emotional habe ich meinen Vater nie erlebt, weil der anfing auch zu weinen, der hat Situationen beschrieben, auch im Krieg, wo ich so dachte, Wahnsinn. Und da hat sich mein Bild und mein Verhältnis oder mein Erleben und Fühlen zu meinem Vater grundsätzlich verändert. Und da würde ich sagen, da ist etwas in mir passiert wie eine Versöhnung.

Ich bin auf einmal in mir ganz Sohn meines Vaters geworden.

Daniel:

Das ist eine wirklich schöne Beschreibung, genauso würde ich es auch formulieren. Genau die gleiche Erfahrung habe ich auch gemacht.

Axel:

Und jetzt wissen wir ja auch, wenn man jetzt auf die andere Seite nochmal schaut, wie viele Söhne darauf warten, dass der Vater ein einziges Mal vielleicht dem Sohn vermittelt, ich bin stolz, dass du mein Sohn bist. Was hungern die Söhne nach dieser Aussage? Da kann man sich auch mal fragen, was heißt das eigentlich für den Sohn?

Es ist ja wie ein Weiterreichen, den Segen des Vaters zu bekommen, den Segen des Vaters, du bist mein Sohn. Ja, und ich glaube, danach hungern ganz viele, danach hungern ganz viele.

Daniel:

In der Bibel wird ja auch der Segen des Vaters immer wieder angesprochen. Also genau diese Verbindung, dieses Geben, dieses Geschenk an den Sohn. Welche Bedeutung haben denn andere Rituale, zum Beispiel Natur- oder Männerkreise bei dieser Integration?

Axel:

Ja, auf jeden Fall förderlich, auch sich selber wieder rückzubinden an die Wurzel vielleicht auch. Ich meine, wir sind ja auch etwas wie, man kann ja mal sagen, der Vater lebt ja in und durch uns ja auch weiter. Man kann ja mal sagen, ich habe jetzt gerade so einen Fall, wo ich das Gefühl habe, da ist so ein Sohn, der ist so was im Vorwurf und lehnt seinen Vater so ab und kriegt auf einer gewissen Weise sein Leben nicht auf die Kette, der scheitert permanent.

Überhaupt mal so zu erforschen oder vielleicht auch mal so Hintergründe, was da eigentlich so im Hintergrund lauert, das finde ich ganz spannend. Und zu sehen, wie sehr er seinen Vater ablehnt, du hast es vorhin auch gesagt, wo wir nichts zu tun haben, aber wie notwendig das irgendwie so ist, wenn wir bei diesem Bild sich irgendwie in den Prozess, also nachdem er lernt, den Vater zu nehmen, in diese Reihe der Menschen Stärke zu stellen und den Segen des Vaters im Rücken zu haben. Das waren einfach Rituale, das haben frühe Kulturen in einer unglaublich guten Weise zelebriert.

Und ich glaube, das ist natürlich, je nachdem, in welchen Kreisen man sich aufhält oder welche Kreise man besucht, wenn die so initiatisch arbeiten und auch rituell arbeiten, dann hat das häufig ganz viel Inhalt, also Ritual ist ja nichts mal Abgehobenes, ich sage mal, Ritual ist eine langsam bewusst vorzogene Handlung und darüber wird uns oder dem Initianten etwas bewusst. Zum Beispiel, wie er sich in diese Reihe der Menschen Ahnung stellt und was das für eine Wirkung hat. Also ich bin ja so ein Befürworter und sage mal, kleines Ritual, große Wirkung.

Und auch das, dieses Ritualbewusstsein oder Reifungsprozesse, das ist so verloren gegangen in unserer Kultur. Was machen wir heute? Wir machen Wikipedia an oder gehen ins Internet und holen uns die Informationen irgendwie übers Netz.

Nur das ist was ganz anderes, ich sage nicht, dass das grundsätzlich verkehrt ist, aber wenn wir von solchen initiatischen Prozessen sprechen, dann braucht es praktische Erfahrung, es braucht etwas Innerkörperliches, dass sozusagen etwas in uns wieder lebendig wird.

Daniel:

Wenn der Mann im Vater gereift ist, was verändert sich denn dann? Wir haben jetzt viel über das Jungenbewusstsein gesprochen, viel über das Sohnsein. Was bedeutet es denn, den Vater zu integrieren, den Vater zu nehmen und sich in diese Ahnenreihe zu stellen?

Was schenkt denn der Vater einem Mann, der das wirklich verkörpert, der das annimmt und der sich selbst auf den Weg macht, Vater zu sein?

Axel:

Wir haben vielleicht all diese Qualitäten, die wir in unserem Leben nicht so erleben durften. Da muss man jetzt vorsichtig sein, dass man nicht wieder so ein Bild erzeugt, der gereifte Vater. Ich glaube, es bleibt ein Lebensprozess, uns auch mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Aber wenn der Vater an sich aufmacht, sich seinen Themen zu stellen, dann gibt er dem Sohn sozusagen etwas wie Mut, dass er auch erlernt, sich seinen Themen zu stellen. Man sagt immer, der Vater ist die Brücke zum wahren Leben. Da ist Scheitern und all das auch mit drin, dass er dem Sohn auch vermittelt, es ist nicht schlimm zu scheitern.

Wenn das Bewusstsein für diese Lebensprozesse in der Weise, in ihm selber gereift sind, dann ist er in der guten Weise Orientierung. Ich mag das Bild, dann ist der Vater die Brücke zum wahren Leben, nicht zu diesen inneren Selbstbildern oder Rollenbildern, die wir in uns tragen oder die vermittelt wird. Der Vater gibt dem Sohn die Möglichkeit, zu reifen und Erfahrung zu machen.

Ich glaube, das alleine ist so wertvoll. Viele Väter, das kenne ich auch, dass viele Väter versuchen, dem Sohn etwas ersparen zu wollen. Nämlich auch das Schlimme und das Herausfordernde im Moment, dass er sagt, er macht das mal lieber nicht.

Ich glaube, da braucht es eine gute Balance zwischen dem selbst erfahren lassen, auch dass es vielleicht ins Scheitern geht und in gewisser Weise auch mal etwas zu sagen, ich an dieser Stelle würde es vielleicht so machen. Also, dass er so etwas wie Orientierung in seiner Lebensbewegung auch haben darf. Wir wissen, Lernen findet über Erfahrung statt, nicht über intellektuelles Wissen.

Daniel:

Ich habe noch so ein paar Ideen. Wir haben ja viel über Verantwortung zum Beispiel gesprochen und ich habe gerade so den Impuls gehabt. Bei mir hat sich tatsächlich mein Bedürfnis, also mein Verhältnis zur Verantwortung auch verändert, als ich gemerkt habe, okay, ich bin jetzt kein Kind mehr, was in irgendeinem Anspruch steht von jemandem, der Verantwortung hat, sondern ich bin jetzt an die Stelle desjenigen getreten, der Verantwortung übernimmt.

Und für mich hat sich da mein Leben auch ein bisschen verändert, weil ich einfach gelernt habe, okay, das Jugendbewusstsein, das habe ich jetzt wirklich hinter mir gelassen und ab sofort bin ich dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht, dass ich anderen diene in meiner reifen Form, sage ich mal. Lass uns doch noch mal kurz genau auf diese Perspektive schauen. Welche Wirkung hat denn so ein Mann auf Familie, PartnerInnen und Umfeld?

Axel:

Ich glaube, es gibt so etwas wie Sicherheit, ich mag das Wort Sicherheit nicht.

Daniel:

Stabilität vielleicht.

Axel:

Stabilität, aber viel größer finde ich, dass diesem Menschen, diesem Mann Vertrauen geschenkt wird, Vertrauen, dass Menschen ihm vertrauen lernen oder vertrauen können, auch in seiner Form von Verbindlichkeit. Es gab mal so schöne Sprüche, ein Mann ein Wort. Also wenn ein Mann etwas verspricht, das auch zu halten, das zum Beispiel gibt ihm halt diese Form der Verbindlichkeit oder wenn ein Mann das sagt, ein Vater das macht, er sagt, dass er das auch macht.

Da glaube ich, dieser Bereich, gegründet zu sein in sich selber, zu wissen, dass ich bin und wer ich bin, das hat eine unglaubliche Wirkung auf das Umfeld, weil es in vielen Fällen entweder loslöst von all diesen Ansprüchen, du hast es gerade so schön gesagt, des Kindes noch in mir, was scheinbar noch ein Recht auf Erfüllung hat. Und das wird ja ganz schnell delegiert, entweder an die Frau, an Chefs, an Gott oder an irgendwelchen Religionen. Ich finde, diesen Prozess, den jeder Mann, jeder Mensch durchwandern darf, ist eben auch dieser Prozess der Selbstermächtigung.

Dass wir wieder zu uns selbst zurückfinden und die Macht und die Kraft, die wir ja sind, wieder in uns aktivieren können. Und das setzt auf einer gewissen äußeren Ebene frei und ich glaube, das würden Menschen sofort spüren. Ob ich was gebe oder geben kann oder ob ich was haben will.

Und auch viele Väter versuchen dann über den Sohn das Bild zu bekommen, der gute Vater zu sein. Dann wollen sie vom Sohn die Rückbestätigung haben, ja, du bist ein guter Vater. Und auch das wäre schon eine Form der Manipulation und drückt ja auch raus, dass der Vater auch in einer gewissen Weise vielleicht noch in einer Bedürftigkeit ist.

Und ich glaube, der gereifte Vater, wenn es so etwas gibt wie den gereiften Vater, und das ist ja ein Prozess, der hört ja nicht auf, jetzt bin ich fertig, jetzt bin ich der Vater und so, oder die Figur. Nein, es ist und bleibt ein ständiger Prozess, sich mit diesen inneren eigenen Themen auch in einer Weise auseinanderzusetzen. Man sagt das so schön, Initiation passiert ja nicht nur einmal im Leben, sondern immer wieder und mit zunehmendem Alter immer tiefer.

Und das ist ein schöner Begriff, du hast vorhin auch das Wort dienen gesagt. Also der Vater dient dem Sohn oder der Familie am meisten, indem er das Ureigene, was ihm angelegt ist, entwickelt und dem folgt.

Daniel:

Ich habe noch eine Frage. Wir haben uns ja jetzt aus Sicht des Vaters natürlich mit Vätern beschäftigt. Wie lebt denn ein Mann dieses Prinzip, wenn er keine Kinder hat?

Das ist ja trotzdem Bestandteil seiner männlichen Essenz.

Axel:

Ja, ich meine, es gibt ja viele andere Formen, auch Männer, die jetzt kein biologisch eigener Vater sind, aber die haben so etwas wie Ziehväter oder Stiefväter, die kommen dann in gewisser Weise auch so in diese Rolle rein, ist natürlich etwas anders gegründet. Aber ich glaube, das Prinzip wirkt ja in uns Männern sowieso. Das väterliche, da kann man ja sagen, was sind die männlichen und väterlichen Tugenden?

Wir haben sie ein paar Mal aufgezählt. Es ist natürlich Orientierung zu geben, eine gewisse Form von Stabilität, Verantwortung, Führung, was gibt es noch, Mut, Stärke, das sind ja uns eingeborene Qualitäten, die wir haben. Und der Vater als Prinzip, das wirkt ja sozusagen in den Männer sowieso.

Man kann ja mal sagen, der Vater, auch auf einer bestimmten Meta-Ebene, ist dann irgendwie der Weise, auch der König, Gott, Gott-Vater. Ja, der Vater, ja, ja. Das wird ja dann sozusagen auf eine Ebene gehoben, die ja auch in uns wirkt.

Und es gibt ja immer das schöne Bild, Christus oder Jesus, da am Kreuz oder vor dem Kreuz, wie er dann ruft, O Vater, warum hast du mich verlassen? Also auch dieser Prozess, das Nehmen des Vaters in der Wirklichkeit, so wie er ist, das sind schon sehr tiefgreifende und auch sehr herausfordernde Bereiche und Themen.

Daniel:

Hast du abschließend noch einen Impuls an die Zuhörer?

Axel:

Ja, Mut, sich auf den Weg zum Vater zu machen. Der Vater ist das Tor zu deiner menschlichen Urkraft. Das ist einfach und bleibt sozusagen eine große Herausforderung für viele Männer, ob dein Vater lebt oder nicht mehr lebt.

Wenn er nicht mehr lebt, geh zum Grab deines Vaters. Vielleicht schreibst du mal so etwas wie einen Vaterbrief, all das. Oder vielleicht führst du auch mal so etwas wie die Vaterklage.

Wenn die Vaterklage ja nicht wirklich formuliert ist, trennt es uns nach wie vor und wir bleiben im Leidvollen gebunden. Das sind alles so kleine Schritte auf dem Weg, die man natürlich machen kann, um freier zu werden für die eigene Identität, aber auch für die eigene Vaterkraft.

Daniel:

Also wir hatten letztes Mal schon Mut zur Wunde. Heute haben wir Mut zum Vater. Ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Axel:

Ja, Mut ist ja etwas, was uns auch eingeboren ist. Den müssen wir nicht suchen. Ich würde sagen, Mut ist auch eine Qualität unserer Seele.

Ich glaube, sonst wären wir gar nicht in diesem Leben. Wenn wir nicht den Mut auch zum Leben gehabt hätten, gäbe es uns vielleicht nicht.

Daniel:

Naja, wie dem auch sei. Ja, danke Axel. Vielleicht merkst du, lieber Zuhörer, dass das Thema Vater in dir etwas berührt hat.

Vielleicht spürst du deine Axtseite. Vielleicht spürst du Schmerz, Leere, Wut, Sehnsucht. Alles davon ist ja willkommen.

Hauptsache, du hast den Mut, dich damit in Verbindung zu setzen. Der Vater im Mann ist jetzt kein fertiges Bild. Wir versuchen ja immer wieder, die Botschaft zu vermitteln, dass es keine fertigen Bilder von irgendetwas gibt, sondern er wächst in dem Moment, in dem du beginnst, Verantwortung für dein eigenes Leben zu übernehmen.

Und vor allem aufhörst, den Vater, den du vielleicht nie hattest, noch im Außen zu suchen. Die Frage ist also nicht, war mein Vater gut oder schlecht, sondern wie kann ich heute Vater sein? Für mich, für andere und für das Leben selbst.

Wir freuen uns natürlich, wenn du deine Gedanken mit uns teilst und schreib uns gern, ob dich diese Folge berührt hat oder welche Archetypen du als Nächstes hören möchtest. Wir haben natürlich eine festgelegte Reihenfolge, aber schreib trotzdem Kommentare, das hilft uns. Ich habe noch einen schönen Satz zum Abschluss.

Axel:

Der ist von Greg Campbell, dieser Männerforscher. Der hat mal so einen schönen Satz geschrieben, der Sohn wird nicht als Mann geboren, er muss erst einer werden. Wenn man jetzt den Vater nimmt, dann kann man sagen, der Vater ist das Tor auch zu deiner männlichen Identität.

Daniel:

Schöne Schlussworte in diesem Sinne, bis zum nächsten Mal Axel. Bis zum nächsten Mal, danke dir Daniel. Danke auch dir.